Kapitel 5 vs. Kapitel 7 Zertifizierung: Was ist der Unterschied?
Wer einen Online-Präventionskurs bei der Zentralen Prüfstelle Prävention (ZPP) zertifizieren lassen möchte, steht vor einer entscheidenden Weichenstellung: Soll der Kurs nach den klassischen Kriterien für IKT-gestützte Selbstlernprogramme (Kapitel 5) oder als neue digitale Präventionsanwendung (Kapitel 7) zugelassen werden?
Auf den ersten Blick wirkt das neuere Kapitel 7 mit seinen Freiheiten bei Dauer und Frequenz verlockend. In der Praxis erweist sich jedoch die "klassische" Zulassung nach Kapitel 5 für die meisten Kursanbieter als der strategisch klügere und effizientere Weg.
Die wesentlichen Unterschiede im Überblick
Die folgende Tabelle zeigt die wesentlichen Abgrenzungen der beiden Zulassungswege gemäß dem Leitfaden Prävention des GKV-Spitzenverbandes:
| Merkmal | Kapitel 5 (IKT-gestützte Selbstlernprogramme) | Kapitel 7 (Digitale Präventionsangebote) |
|---|---|---|
| Format | Fester Kursaufbau ("Stundenplan"), meist Web-Based-Training (WBT). | Flexibel (Apps, Web-Interventionen), Einheiten sind nicht zwingend nötig. |
| Struktur | 8 bis 12 Einheiten à 45–90 Minuten (Wochenrhythmus). | Flexible Nutzungsdauer und Frequenz (z. B. tägliche kurze App-Nutzung). |
| Wirksamkeitsnachweis | Konzeptbasierte Prüfung: Nachweis durch qualitätsgesichertes Konzept und Referenzen. Evaluation durch Teilnehmer erforderlich. | Evidenzbasierte Prüfung: Nachweis des gesundheitlichen Nutzens durch eigene wissenschaftliche Studien (Wirksamkeitsstudie). |
| Software & Datenschutz | Deutsche Datenschutzkonformität und Compliance. | Erhöhte Anforderungen: Datenschutzfolgenabschätzung (DSFA), ISO 27701:2022 Zertifizierung erforderlich, Orientierung an ISO-Norm 27034. |
Warum eine Zertifizierung nach Kapitel 5 zu bevorzugen ist
Obwohl Kapitel 7 als flexibler gilt, bietet Kapitel 5 für Anbieter, die schnell und kosteneffizient in den Markt eintreten wollen, entscheidende Vorteile.
1. Kein teurer Studien-Zwang
Der größte Vorteil von Kapitel 5 ist der Verzicht auf eine eigene Wirksamkeitsstudie. Für eine Kapitel-7-Zulassung müssen Sie den gesundheitlichen Nutzen Ihres konkreten Produkts wissenschaftlich belegen (Evidenznachweis). Dies erfordert in der Regel eine aufwendige, teure Studie mit Kontrollgruppen.
- Kapitel 5 Vorteil: Hier genügt es, dass Ihr Kurskonzept auf etablierten wissenschaftlichen Standards und anerkannten Handlungsfeldern (z. B. Stressbewältigung, Bewegung) basiert. Sie müssen das Rad nicht neu erfinden oder wissenschaftlich beweisen – eine saubere didaktische Ausarbeitung reicht.
2. Schnellere "Time-to-Market"
Die Hürden für Kapitel 7 sind bürokratisch und zeitlich enorm. Neben der Studie werden oft komplexe Datenschutzfolgenabschätzungen (DSFA) und detaillierte Coaching-Manuale verlangt. Bis alle Nachweise erbracht sind, können Monate oder Jahre vergehen.
- Kapitel 5 Vorteil: Da die Anforderungen klar standardisiert sind (Stundenverlaufspläne, Teilnehmerunterlagen, Qualifikation), ist der Prozess planbar. Eine gut geplante Zertifizierung kann oft innerhalb weniger Monate erreicht sein.
3. Bewährte Erstattungsstruktur bei den Kassen
Die Krankenkassen sind seit Jahren auf die Erstattung von Kursen nach Kapitel 5 eingestellt (oft 75–100 % Erstattung bis zu einem Höchstbetrag). Die Abrechnungsprozesse sind etabliert.
- Kapitel 5 Vorteil: Ihre Kunden wissen genau, was sie bekommen: Einen "Präventionskurs", der einem bekannten Muster folgt (z. B. "8 Wochen Online-Kurs"). Bei Kapitel-7-Anwendungen (Apps) herrscht bei Versicherten manchmal noch Unklarheit über die genauen Erstattungsmodalitäten, da diese selten erstattet werden und der Mindestleistungsumfang schwerer zu definieren ist.
Fazit
Kapitel 7 Zertifizierungen sind die neue Methode der Zertifizierung von Gesundheitsanwendungen im Präventionsbereich. Sie bieten etwas mehr Flexibilität bei der Strukturierung und sind flexibler in der Nutzungsdauer und Frequenz. Allerdings sind sie, unserer Ansicht nach, nur für Unternehmen zu empfehlen, die ihr Kernprodukt in der Bereitstellung und Vermarkung einer sehr spezifischen Präventionsapp sehen. Und die nötigen Mittel zur Durchführung der wissenschaftlichen Studie, sowie für die ISO 27701:2022 Zertifizierung haben.
Für alle anderen Anbieter und Anwendungsfälle ist die Zertifizierung nach Kapitel 5 jedoch fast immer die klügere Wahl. Es bietet den sichersten Weg zum "Deutschen Standard Prävention"-Siegel, spart hohe Aufwendungen für Studien und nutzt die etablierten Erstattungswege der Kassen optimal aus. Ein gut strukturierter 8-Wochen-Onlinekurs ist nach wie vor der Goldstandard für einen wirtschaftlich erfolgreichen Markteintritt in die präventive Gesundheitsförderung.
Insbesondere weil die Erstattungshöhe der Krankenkassen für beide Produkte gleich ist.
Quellen:
